Akgün/Schassner/Zehaf-Produktion im Rahmen von 20.21 KANE INNEN

IN HER FACE ODER                            DIE AUTORIN IST TOT

Foto: Christian Schuller
Foto: Christian Schuller

 

 

Ein Tisch. Ein Stuhl. Eine Lampe. Diffuses Licht. Stille.

 

Ich denke angestrengt: Was ich über Sarah Kane weiß: Sie war Britin. Check. Sie hat Theatertexte geschrieben, die provozieren. Check. Sie hatte psychische Probleme. Check. Sie hatte es (nicht so) mit der Liebe. Check. Sie hat sich umgebracht. Check. Sie hat eine ganze Generation bewegt... check? Sie hat ihre Stücke in der freien Szene inszeniert... check? Sie hat eine neue Theaterströmung initiiert... check? Sie hatte psychische Probleme. Check. Sie hat sich umgebracht. Check. Sie hat..., äh, warte Mal, 4.48 Psychose... Sie hat sich umgebracht. Check. Sie war verrückt. Check. Sie hat sich umgebracht. Check. Sie hat sich umgebracht. Irgendwas mit Depression. Psychische Störung. Vielleicht psychotisch. Sie hat sich umgebracht. Sie hat sich umgebracht. Sie. Hat. Sich. Umgebracht. Die Autorin ist tot.

 

 

Lichtwechsel. Musik. Bunt. Laut.

 

 

Wir singen: „The one thing

we don’t think is

the responsibility of playwrights

is telling people

what to think

about the play afterwards.“

 

 

Lichtwechsel.

Ein Tisch. Ein Stuhl. Eine Lampe. Grelles Licht.

 

 

Ich erläutere selbstbewusst: In der Literaturanalyse spricht man davon, dass ein literarisches Werk erst dann richtig verstanden werden kann, wenn man den Autoren tötet. Also, nicht tötet im Sinne von aufessen, die Zunge rausschneiden, die Gliedmaßen abtrennen oder erschießen. Sondern im metaphorischen Sinne: tötet. All das Wissen tötet, dass man über den Autoren hat, damit dieses nicht sein geschriebenes Wort überlagert. Das funktioniert oft ganz gut, zum Beispiel wenn über den Zauberberg von Thomas Mann, der bekanntermaßen ein ziemlich interessantes Privatleben hatte, liest: „Es ist ein großes Buch, ein magistrales Buch, unvergleichlich in artistischer Hinsicht, es stellt große Ansprüche an den Leser, an seine Geduld, seine Bildung, nicht zuletzt an seine Zeit.“ Bei Autorinnen naja, da funktioniert das nicht immer so gut. Und bei Sarah Kane, da fällt es sogar mir schwer, und das, obwohl ich selbst eine Frau bin, die schreibt. Ich bin aber nur ich, und ich bin ja auch nur das Ich, das mein Kontext mich hat werden lassen, also bin ich Ich+Kontext sozusagen, und Ich will jetzt wirklich nicht über Sarah Kanes Psychose nachdenken. Damit geht es mir gut... okay, ich bin müde. Sehr müde. Sehr sehr müde. Ich schreibe. Ich bin müde. Ich schreibe wieder. Ich bin immer noch müde. Ich will...

 

 

Lichtwechsel. Musik. Bunt. Laut.

 

 

Wir singen: „Schön! Alles ist schön!

Alles ist schön!

Alles ist this disgusting feast of filth.

Alles ist schön! Alles ist schön!

Alles ist so schön!“

 

 

Lichtwechsel:

Ein Tisch. Ein Stuhl. Eine Lampe. Wenig Licht. Stille.

 

 

Ich bemerke gewitzt: Dieses Stück thematisiert lustvoll und zugleich schmerzhaft Klischees von weiblicher Autorschaft, Depression und Selbstmord anhand der Rezeptionsgeschichte von Sarah Kanes Werk. Ich versuche mich selbst als Teil eben dieser Rezeptionsgeschichte frei zu machen von jedem Klischee, und werde daran scheitern, weil die Perspektiven, die ich als Autorin meiner eigenen Geschichte habe, um dieses Stück zu schreiben, geprägt ist von dem, was die Gesellschaft über die Rezeptionsgeschichte von Sarah Kanes Werk tradiert haben will. Und weil ich ein Teil dieser Gesellschaft bin, bin ich auch ein Teil der Rezeptionsgeschichte von Sarah Kanes Werk. Es wäre schön, wenn ich zum Zwecke der Demaskierung dieser Klischees eine kontextleere Luftblase erzeugen und mich in diese begeben könnten, aber wer wären ich dann außer die, die am Rand steht und versucht, ihre eigene Geschichte zu schreiben und nicht gehört wird. Während ich also versuche, nicht am Rand dieser Gesellschaft zu stehen und gehört zu werden, versuche ich auch, mit den Tabuthemen Depression und Suizid bei Frauen zu brechen, indem ich das tue, was meine Strategie geworden ist, um in dieser Welt zu funktionieren: Nichts hergeben, zu viel hergeben oder alles in poetische Worte kleiden.

 

 

Lichtwechsel. Musik. Bunt. Laut.

 

 

Wir singen: „Haben wir uns mal wieder

ganz schön viel vorgenommen, oder? Egal, wir schaffen

das, wir schaffen das. Yes,

we can! Wir

können alles schaffen, wir können alles schaffen.“

 

Und wenn wir scheitern?

Egal, lachen und sexy Dancemoves, das haben wir lange geübt.

 

 

 

IN HER FACE ODER DIE AUTORIN IST TOT

von Hannah Schassner/Léa Zehaf/Antigone Akgün

 

 

mit: Antigone Akgün & Léa Zehaf

Regie: Hannah Schassner

Dramaturgie: Julius Ohlemann

Kostüm: Marijke Wehrmann

Bühne: Anna Hasche

Musik: Thomas Buchenauer

Fotos: Christian Schuller

Technik: Nina Koempel

 

Die Produktion findet im Rahmen von 20.21 KANE innen an den Landungsbrücken Frankfurt statt.

Interne Premiere: 15.04.21

Premiere: Sommer/Herbst 2021

 

Gefördert vom Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main, dem Kulturfonds Rhein-Main im Rahmen der Förderung für 20.21 KANE innen und der Crespo Foundation im Rahmen der Förderung für 20.21 KANE innen.