In her face oder Die Autorin ist tot

Foto: Christian Schuller
Foto: Christian Schuller

Ein Tisch. Ein Stuhl. Eine Lampe. Diffuses Licht. Stille.

 

Ich sage als Du:

Was ich über Sarah Kane weiß: Sie war Britin. Check. Sie hat Theatertexte geschrieben, die provozieren. Check. Sie hatte psychische Probleme. Check. Sie hatte es (nicht so) mit der Liebe. Check. Sie hat sich umgebracht. Check. Sie hat eine ganze Generation bewegt....check? Sie hat ihre Stücke in der freien Szene inszeniert.... check? Sie hat eine neue Theaterströmung initiiert... check? Sie hatte psychische Probleme. Check. Sie hat sich umgebracht. Check. Sie hat..., äh, warte Mal, 4.48 Psychose... Sie hat sich umgebracht. Check. Sie war verrückt. Check. Sie hat sich umgebracht. Check. Sie hat sich umgebracht. Irgendwas mit Depression. Psychische Störung. Vielleicht psychotisch. Sie hat sich umgebracht. Sie hat sich umgebracht. Sie. Hat. Sich. Umgebracht. Hör auf, das zu denken, verdammt! Die Autorin ist tot. Tot. Tot. Tot. Und das soll sie auch bleiben. Damit.... was damit? Damit ich ihr Stück endlich einmal wirklich verstehen kann. Reiß dich zusammen!

 

Lichtwechsel. Musik. Bunt. Laut.

 

Wir singen als Wir:

„The one thing

we don’t think is

the responsibility of playwrights

is telling people

what to think

about the play afterwards.“

 

Lichtwechsel. Ein Tisch. Ein Stuhl. Eine Lampe. Grelles Licht.

 

Ich sage als Ich:

In der Literaturanalyse spricht man davon, dass ein literarisches Werk erst dann richtig verstanden werden kann, wenn man den Autoren tötet. Also, nicht tötet im Sinne von aufessen, die Zunge rausschneiden, die Gliedmaßen abtrennen oder erschießen. Sondern im metaphorischen Sinne: tötet. All das Wissen tötet, dass man über den Autoren hat, damit dieses nicht sein geschriebenes Wort überlagert. Das funktioniert oft ganz gut, zum Beispiel wenn über den Zauberberg von Thomas Mann, der bekanntermaßen ein ziemlich interessantes Privatleben hatte, liest: „Es ist ein großes Buch, ein magistrales Buch, unvergleichlich in artistischer Hinsicht, es stellt große Ansprüche an den Leser, an seine Geduld, seine Bildung, nicht zuletzt an seine Zeit.“ Bei Autorinnen naja, da funktioniert das nicht immer so gut. Und bei Sarah Kane – verdammt, da fällt es sogar mir schwer, und das, obwohl ich selbst eine Frau bin, die schreibt. Ich, ich bin ich, ich stehe neben einem Du, und das Du und das Ich, wir stehen hier, als Ich und Du, und ich will nicht über Sarah Kanes Psychose nachdenken. Damit geht es mir gut, auch wenn es mir eigentlich nicht gut geht. Ich bin müde. Sehr müde. Sehr sehr müde. Ich schreibe. Ich bin müde. Ich schreibe wieder. Ich bin immer noch müde. Ich will...

 

Lichtwechsel. Musik. Bunt. Laut.

 

Wir singen als Wir:

„Du, hier?! Schön! Alles ist schön!

Alles ist schön! Alles ist schön! Alles ist schön!

Alles ist so schön!“

 

Lichtwechsel: Ein Tisch. Ein Stuhl. Eine Lampe. Wenig Licht. Stille.

 

Ich sage als Autorin meiner eigenen Geschichte:

IN HER FACE ODER DIE AUTORIN IST TOT thematisiert lustvoll und zugleich schmerzhaft Klischees von weiblicher Autorschaft, Depression und Selbstmord anhand der Rezeptionsgeschichte von Sarah Kanes Werk. Ich versuche mich selbst als Teil eben dieser Rezeptionsgeschichte frei zu machen von jedem Klischee, und werde daran scheitern, weil die Perspektiven, die ich als Autorin meiner eigenen Geschichte habe, um dieses Stück zu machen, geprägt ist von dem, was die Gesellschaft über die Rezeptionsgeschichte von Sarah Kanes Werk tradiert haben will. Und weil ich ein Teil dieser Gesellschaft bin, bin ich auch ein Teil der Rezeptionsgeschichte von Sarah Kanes Werk. Es wäre schön, wenn ich zum Zwecke der Demaskierung dieser Klischees eine kontextleere Luftblase erzeugen und mich in diese begeben könnten, aber wer wären ich dann außer die, die am Rand steht und versucht, ihre eigene Geschichte zu schreiben und nicht gehört wird. Während ich also versuche, nicht am Rand dieser Gesellschaft zu stehen und gehört zu werden, versuche ich auch, mit den Tabuthemen Depression und Suizid bei Frauen zu brechen, indem ich das tue, was meine Strategie geworden ist, um in dieser Welt zu funktionieren: Nichts hergeben (Du), zu viel hergeben (ich) oder alles in Worte zu fassen, um mich selbst zu hören (Autorin meiner eigenen Geschichte.)

 

Lichtwechsel. Musik. Bunt. Laut.

 

Wir singen als Wir:

„Haben wir uns mal wieder

ganz schön viel vorgenommen, oder? Egal, wir schaffen

das, wir schaffen das. Yes,

we can! Wir

können alles schaffen, wir können alles schaffen.“

 

IN HER FACE ODER DIE AUTORIN IST TOT

von Hannah Schassner/Léa Zehaf/Antigone Akgün

mit: Antigone Akgün & Léa Zehaf

Dramaturgie: Julius Ohlemann

Musik: Thomas Buchenauer

Fotos: Christian Schuller

Technik: Nina Koempel

 

Premiere: 15.04.2021 im Rahmen von 20.21 KANE innen an den Landungsbrücken Frankfurt